Baldur und Loki
Vieles wird Loki in den germanischen Dichtungen nachgesagt. Der größte Intrigant der nordischen Götterwelt war er, ein Halbteufel, ein Verleumder, der Vater der Lüge, kurz, eine Schande für Götter und Menschen zugleich, unfair und falsch, launisch und von schlechtem Charakter. Allerdings übertraf er auch alle anderen Götter an Klugheit und Schläue. Dazu war er feige, jedoch der einzige aller Bewohner von Asgard, dem Wohnsitz der Götter auf einem Felsen inmitten von Midgard, der schlagfertig, witzig und voll Humor war. Gleichzeitig war Loki auch stets ein geschickter Handlanger der Götter, wenn diese durch ihre Tölpelhaftigkeit in eine Klemme geraten waren. Letzteres war der Grund, warum ihm immer wieder Intrigen und Verrätereien nachgesehen wurden. Einmal allerdings überspannte er den Bogen, was sein eigenes wie auch das Ende der Welt, Ragnarök, zur Folge hatte. Dies war seine Planung und die Beteiligung an der Ermordung Baldurs, Odins Lieblingssohn.
Über Baldur berichtet die Sage nur Vorteilhaftes. Schön und leuchtend war er, Strahlen der Güte gingen von ihm aus. Und eine Pflanze ist so weiß, daß sie Baldurs Augenbraue - seinem Antlitz - gleicht: die Kamille,
. Er ist der klügste der Götter, anständig, liebenswürdig und ohne Fehl in Wort und Tat. Jeder liebte ihn.
Eine Tages träumte er, daß sein Leben in Gefahr sei, weshalb Odin sich in die Unterwelt aufmachte und eine schon tote Wahrsagerin zwang, ihm seines Sohnes Zukunft zu weissagen. Er erfuhr, daß Baldur getötet und dadurch Ragnarök ausgelöst werden würde. Um dieses Unglück zu verhindern, beschlossen die Götter, allen Geschöpfen der Erde das Versprechen abzuzwingen, Baldur zu schonen. Frigg, Baldurs Mutter, holte diesen Eid vom Feuer, dem Wasser, den Metallen, Steinen, der Erde Pflanzen, Giften, Tieren usw. ein. Baldur wurde dadurch unverwundbar und die Götter machten sich einen Spaß daraus, mit Pfeilen auf ihn zu schießen, ihn mit Schwertern zu schlagen oder mit Steinen zu bewerfen. Nichts und niemand konnte ihm Schaden zufügen. Ein Lebewesen aber war von Frigg vergessen worden, die in der Eiche nistende und als zu schwach und kraftlos geltende Mistel. Loki wußte dies und heckte in seiner Eifersucht auf den beliebten Baldur einen teuflischen Plan aus. Einen Mistelzweig in Form eines Speeres ließ er von Höd, einem blinden, jedoch sehr starken Bruder Baldurs, auf diesen schleudern. Dabei führte er Höd die Hand und ... Baldur starb.
Die Wut der Götter kannte keine Grenzen. Sie ergriffen Loki, fesselten ihn mit den Gedärmen seines eigenen Sohnes und verbrachten ihn in eine Höhle, wo Schlangen von der Decke herunter Gift auf sein Gesicht tropfen ließen. Er erlitt qualvolle Schmerzen und seine Zuckungen ließen die Erde beben und die Vulkane Feuer speien.
Es folgte der Endkampf der Götter mit den Dämonen der Zerstörung von Muspell, bei dem alle starben. Die Welt zerbrach, die Erde versank in einem Chaos aus Feuer, Rauch und Dampf im Meer. Aber der Weltenbaum Yggdrasil blieb bestehen und in seinen Zweigen überlebten zwei Menschen, die die Erde wieder bevölkern sollten. Baldur kehrte aus der Unterwelt zurück und ein neues Zeitalter konnte beginnen, in dem sich eine neue Göttergemeinschaft wieder mit ihren goldenen Spielsteinen vergnügte. |